Geschichten der Teilnehmenden

In den Kursen entstehen immer wieder kurze Geschichten, die wir hier gern mit Einverständnis der Autorinnen und Autoren veröffentlichen.

Der Schneeball

von Dr. Markus Hallmann


Schnee liegt in der Landschaft. 

Es ist mild. Ein Wetterumschwung liegt in der Luft. 
Die Kälte aus dem Osten wird langsam abgedrängt. Westwind kommt auf. 
Der Schnee beginnt zu tauen. Ich bin fasziniert vom Wechselspiel der Natur. Alles ist im Fluss. 
Ich nehme den Schnee in die Hand und forme einen Ball. Angenehme Kühle durchdringt meine Haut. Ich merke, wie der Schnee schmilzt, und klares Wasser rinnt zwischen meinen Fingern hindurch. Es ergießt sich in klaren Tropfen in die Natur.  
Es ist ein kleines Wunder, wie aus den Kristallen, dem reinen Weiß, ebenso reines, klares Wasser wird. Und dieses Wasser fließt. Der Schneeball, zunächst in Ruhe erstarrt, wird quasi lebendig, erwacht zum Leben, um Leben zu spenden. Denn ohne Wasser gibt es kein Leben. 
 
Und der Schneeball sagt mir: 
"Hab keine Angst. Du brauchst keine Angst zu haben vor Veränderung, vor dem, was kommen wird. Alles ist im Fluss, im Fluss des Lebens. Das Leben ist schön, auch wenn Dinge sich verändern. So wie ich meinen Zustand, meine Form ändere, geht es jedem Teil der Schöpfung in der einen oder anderen Art und Weise. Und NICHTS ist schlecht daran, NICHTS soll Angst machen. Denke daran: Das, woraus Du bestehst, ist 14 Milliarden Jahre alt, jedes einzelne Elementarteilchen. Ist das nicht tröstlich? Es ist Gottes Plan. NICHTS geht verloren in Gottes wunderbarer Schöpfung. Der Plan ist gut. Wir können uns geborgen fühlen und gelassen und freudig das Schöne genießen und die Angst vor dem Leben, das sicher auch dunklere Tage bereithalten wird, ablegen. Wie heißt es in einem Lied? DER HIMMEL WIRD ERST SCHÖN DURCH EIN PAAR WOLKEN ... 
Lebe Mensch, lebe – zum Segen für Dich und alle Geschöpfe, die Dich umgeben!" 
 
Ich denke über alles nach und schaue vorwärts ... 

Ein Stein

von Angelika Scheuerl


Im katholischen Pfarrgarten von Augustusburg ist es noch winterlich und rau. Äste liegen herum. Maulwurfhügel breiten sich aus und der noch kalte Februarwind streicht durch die hohen Nadelbäume. 

Hinter der Garage, die schon lange irgendwer aus dem Ort gemietet hat, liege ich: ein kleiner Stein. Lange lag ich hier achtlos, weil mich wohl jemand mit seinem Fuß hierher gekickt hat. Es ist meine Natur, einfach nur dazuliegen. 

Und weil ich mich aus eigener Kraft nicht fortbewegen kann, hat mir der Schöpfer weder ein Herz noch ein Gehirn gegeben. Dafür bin ich ihm wahrhaft dankbar. Sonst könnte ich meine Aufgabe nicht erfüllen. Einfach nur dazuliegen. Stunden, Tage, Monate, Jahre. Und ich habe keine Ahnung, wann ich fortbewegt werde, von irgendwem, den ich nicht kenne. Meine Aufgaben sind Stabilität zu wahren, hart zu sein, ewig liegen zu können und mich einzufügen in meine Umgebung. Nur wer sich bewegt, braucht ein Gehirn. Ich nicht. 

Aber nun hat mich jemand gesehen. In der Phantasie meiner Betrachterin habe ich einem kleinen Fuß geähnelt. Ich habe etwas in ihr angesprochen. Deswegen hat sie mich aufgehoben, in ihre warme Hand genommen und mich wohlwollend betrachtet. Sie hat mir, in Beziehung zu ihren Gedanken, einen neuen Wert und für kurz ihre Wärme gegeben. 

Einfach so – für einen kleinen Augenblick meines ewigen Lebens, macht für diese eine Betrachterin mein Stein-Sein Sinn. 

Der Tannenzweig

von Wolfgang Rösner


Wie man mit mir umgeht, zeigt die Vergänglichkeit der Zeit und spiegelt gut wider, wie Feste und Jahreszeiten erlebt werden. Im alten Jahr konntet ihr gar nicht erwarten, dass ich im Advent in einem Gesteck oder Kranz genutzt und mit Kerzen versehen Euch in eine festliche Stimmung versetze und bei adventlicher Musik und Glühwein auf das Weihnachtsfest einstimme. Die Krönung war dann der Weihnachtsbaum, an dem ich ja nur einer von vielen Zweigen bin. Viele konnten es wieder nicht erwarten, haben mich im Vorgarten schon in der Adventszeit mit Kerzen geschmückt und leuchten lassen. Immer mehr Leute stellen mich auch schon vor Weihnachten im Wohnzimmer auf, um mich dann gleich nach den festlichen Tagen zu entsorgen. 

Aber ich gehörte zu den „glücklicheren Zweigen“, die noch im Januar am Weihnachtsbaum die Kirche erstrahlen ließen. Jetzt im März sehnt ihr wärmere Tage herbei. Ich werde von den Gräbern weggeräumt, mache Platz für die vielen kleinen Blumen, die den Frühling ankündigen, den ihr herbeisehnt. 

Aber als ein Tannenzweig kann ich auch erzählen, wie deine Tochter im Oktober deine Balkonkästen und -pflanzen mit Zweigen wie mich abgedeckt hat. Dafür warst du dankbar, weil das für dich keine leichte Zeit war. Weihnachten hast du bei deren Familie gefeiert. Als du nach Hause zurückkamst, warst du froh, dass ich in deinem Wohnzimmer mit vielen anderen geschmückten Zweigen in einer Vase stand, du deine Geschenke dazustellen und weihnachtliche Stimmung mit nach Hause nehmen konntest. So war es doch ein wenig wie in den vergangenen Jahren.  

Wie geht es mir als Tannenzweig, wenn ich an all das zurückdenke? Auch wenn ich dir und vielen anderen in der Zeit der Vorfreude im Advent und in den weihnachtlichen Tagen viel Freude schenken konnte, bin ich schon ein wenig traurig, dass ich meist so schnell wieder weggelegt und vergessen werde.